Sofie Contzen | Referentin für Neurodivergenz & Inklusion

Wie wäre es, wenn wir bereit wären, die Perspektive zu verändern?

Für eine achtsame, inklusive und sensible Gesellschaft

„Wie hoch sind
Ihre Schmerzen
auf einer Skala von
eins bis zehn ein?“

Eine einfache Frage.
Eigentlich.
Für mich war sie es nicht.

Ich habe gelernt, wie es sich anfühlt, wenn Andersartigkeit nicht verstanden wird. Erst bei meiner Tochter, dann bei mir selbst – und schließlich als Patientin im Gesundheitssystem. Daraus ist der Wunsch entstanden, Perspektiven zu verändern.

Manchmal beginnt eine berufliche Leidenschaft nicht mit einem Plan. Manchmal beginnt sie mit einer Frage, auf die man selbst keine Antwort hat. Meine Geschichte begann mit meiner Tochter. Sie ist hochbegabt und hochsensibel. Und sie passte nicht in das Schulsystem. 

Ich habe erlebt, wie schnell ein Kind als schwierig, anstrengend oder unangepasst wahrgenommen werden kann, wenn sein Verhalten nicht verstanden wird. Ich habe Gespräche mit Lehrkräften geführt, Erklärungen gesucht, nach Lösungen gerungen und immer wieder versucht, Verständnis für die Besonderheiten meiner Tochter zu schaffen. Doch ihre Andersartigkeit wurde nicht als Ausdruck ihrer Persönlichkeit und ihrer Bedürfnisse verstanden. Sie wurde zum Problem.

Meine persönliche Perspektive

Warum ich nicht aufhören kann, über Andersartigkeit zu sprechen 

Ich werde nie vergessen, wie meine Tochter mich mit etwa acht Jahren fragte:

„Mama, warum darf ich nicht so sein, wie ich bin?“

Ich hatte damals keine Antwort. Aber diese Frage hat etwas in mir verändert. Denn wie kann es sein, dass ein Kind lernen muss, dass es mit sich selbst nicht richtig ist? Wie kann es sein, dass wir von Kindern erwarten, sich an Strukturen anzupassen, die ihre Bedürfnisse nicht berücksichtigen – und ihnen anschließend die Verantwortung dafür geben, wenn es nicht funktioniert? Ich begann, mich intensiv mit Hochsensibilität, Neurodivergenz, Begabung und Inklusion auseinanderzusetzen. Ich las, lernte, recherchierte und versuchte immer besser zu verstehen, was hinter dem Verhalten meiner Tochter lag.

Dabei geschah etwas, womit ich zunächst nicht gerechnet hatte: Ich begann, mich selbst zu verstehen. Ich erkannte meine eigene Hochsensibilität. Und plötzlich ergaben viele Dinge in meinem eigenen Leben einen Sinn. Situationen, die ich über Jahrzehnte als persönliche Schwäche, Überempfindlichkeit oder Anderssein eingeordnet hatte, bekamen eine andere Bedeutung.

Ich hatte gelernt, mich anzupassen, Reize auszuhalten, Erwartungen zu erfüllen und mich so zu verhalten, wie es von mir erwartet wurde. Ich hatte gelernt zu maskieren. Und ich hatte es gut gelernt. Vielleicht sogar zu gut. Über Jahrzehnte hatte ich funktioniert in einer Welt, die mir immer wieder vermittelt hatte, wie ich sein sollte. Bis ich verstand: Ich bin nicht falsch. Ich bin anders. Diese Erkenntnis war für mich persönlich unglaublich wichtig. Und gleichzeitig wurde mir bewusst, wie viele Menschen durchs Leben gehen, ohne jemals die Möglichkeit zu bekommen, diese Erkenntnis über sich selbst zu gewinnen. Menschen, die sich ständig anpassen. Kinder, die glauben, mit ihnen stimme etwas nicht. Jugendliche, die ihre Bedürfnisse nicht benennen können. Erwachsene, die ihre eigenen Grenzen übergehen, weil sie gelernt haben, dass ihre Wahrnehmung zu viel ist. Und Menschen, die in Institutionen auf Fachkräfte treffen, die ihre Andersartigkeit nicht erkennen können – nicht aus bösem Willen, sondern weil ihnen Wissen, Erfahrung oder eine andere Perspektive fehlt.

Eine Frage, die meinen beruflichen Weg verändert hat

Als Lehrerin wollte ich etwas verändern. Wenn ich schon nicht die ganze Welt verändern konnte, wollte ich wenigstens in meinem eigenen Klassenzimmer einen Ort schaffen, an dem Kinder sein durften, wie sie sind. Einen Ort, an dem nicht zuerst gefragt wird: „Was stimmt mit diesem Kind nicht?“ – sondern: „Was braucht dieses Kind, damit es sich entwickeln kann?“

Das war meine Motivation, schulische Inklusion zu studieren. Meine Masterarbeit widmete ich der Haltung und den Handlungen von Grundschullehrkräften gegenüber hochsensiblen Kindern. Denn ich bin überzeugt: Inklusion beginnt nicht bei einem Konzept. Sie beginnt bei der Haltung, mit der wir Menschen begegnen.

Seit 2022 gebe ich regelmäßig Seminare und Fortbildungen zu Neurodivergenz, Hochsensibilität und Inklusion. Als Gastdozentin an der TU Dortmund gebe ich mein Wissen und meine Erfahrungen an Masterstudierende weiter. Als Moderatorin der Bezirksregierung Düsseldorf begleite und berate ich Schulen und Schulleitungen auf ihrem Weg zu tatsächliche Inklusion.

Anfang 2024 wurde ich geplant operiert. Plötzlich war ich nicht mehr die Referentin. Nicht die Lehrerin. Nicht diejenige, die anderen erklärt, wie wichtig Perspektivwechsel sind. Dann wurde ich selbst zur Patientin. Und genau dort erlebte ich Situationen, die mir sehr deutlich gezeigt haben, wie notwendig diese Perspektive auch im Gesundheitswesen ist.

Nach der Operation fragte mich eine freundliche Krankenschwester: „Wie hoch sind Ihre Schmerzen auf einer Skala von eins bis zehn?“ Eine einfache Frage. Eigentlich. Für mich war sie es nicht. Denn Wahrnehmung funktioniert nicht bei allen Menschen linear. Gerade neurodivergente Menschen können Empfindungen komplex, mehrdimensional und kontextabhängig wahrnehmen. Eine einzelne Zahl kann dann schwer abbilden, was tatsächlich passiert. Wie soll ich ein komplexes körperliches Erleben auf einer einzigen Zahl zwischen eins und zehn abbilden?

Ich merkte: Ich brauche andere Möglichkeiten, meine Wahrnehmung zu beschreiben. Ein anderes Verständnis. Eine andere Perspektive. Auch eine weitere Situation ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Nach der Operation sollte ich für die Nacht ein starkes Beruhigungsmittel bekommen. Ich fragte, welches Medikament es sei und wie es wirkt. Die Antwort war: „Das ist, damit Sie schön schlafen können“. Für viele Menschen mag diese Erklärung ausreichend sein. Für mich war sie es nicht. Ich wollte wissen, was ich bekomme. Ich wollte verstehen, wie es wirkt. Ich wollte einschätzen können, was mit meinem Körper passiert. Und ich wusste aus meiner eigenen Erfahrung, dass ich sehr intensiv auf Medikamente reagieren kann. Deshalb bat ich darum, zunächst nur die halbe Dosis zu erhalten. Dafür musste ein Arzt hinzugezogen werden. Und plötzlich veränderte sich die Atmosphäre.

Die Freundlichkeit, die mir zuvor entgegengebracht worden war, war nicht mehr dieselbe.  Sie war nicht unfreundlich, weil sie mich verletzen wollte. Vielleicht war es einfach eine anstrengende Situation. Vielleicht fehlte das Verständnis dafür, warum eine Patientin so viele Fragen stellt. Aber genau darin liegt für mich der Kern: Was passiert, wenn ein Mensch anders wahrnimmt, anders kommuniziert oder andere Informationen benötigt – und das Gesundheitssystem dafür keinen Raum lässt?

Eine Woche im Krankenhaus und ich wusste, was ich tun möchte. Nicht, weil ich glaube, dass medizinisches Personal zu wenig Empathie besitzt. Ganz im Gegenteil. Ich habe viele engagierte, freundliche und hochprofessionelle Menschen erlebt. Aber Empathie allein reicht nicht immer aus.

Man kann einen Menschen freundlich behandeln und ihn trotzdem nicht verstehen

Man kann die besten Absichten haben und trotzdem an den Bedürfnissen eines neurodivergenten Menschen vorbeihandeln. Und genau deshalb brauchen wir Wissen, Sensibilität und Perspektivwechsel. Und wir brauchen Strukturen, die unterschiedliche Wahrnehmung und Kommunikation mitdenken.

Meine anschließende Reha hat diesen Entschluss noch verstärkt. Schon während dieser Zeit begann ich zu recherchieren und mein Konzept für Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und weitere Einrichtungen des Gesundheitswesens zu entwickeln.

Denn plötzlich sah ich eine Verbindung zwischen all den Stationen meines bisherigen Weges: Meine Tochter, meine eigene Hochsensibilität, meine Arbeit als Lehrerin, mein Studium der Inklusion, meine Masterarbeit, meine Fortbildungen, meine Arbeit mit Schulen und Schulleitungen und schließlich meine eigene Erfahrung als Patientin. Alles führte zu derselben Frage: Was wäre, wenn wir Menschen nicht zuerst daran messen, wie gut sie in unsere Systeme passen – sondern unsere Systeme daran, wie gut sie Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit gerecht werden?

 

Dafür steht Sensible Perspektiven

Sensible Perspektiven ist aus genau diesem Gedanken entstanden. Ich möchte einen Perspektivwechsel ermöglichen. Nicht, um Menschen in Kategorien zu stecken. Nicht, um jedes Verhalten zu pathologisieren. Und auch nicht, um das Gesundheitssystem und die Bildung mit noch mehr Anforderungen zu belasten. Sondern um Fachkräfte zu unterstützen, Menschen besser zu verstehen.

Denn Neurodivergenz ist keine Randerscheinung. Hochsensibilität ist keine Schwäche. Andersartigkeit ist kein Defizit. Ich möchte dazu beitragen, dass aus Unsicherheit Handlungssicherheit wird.

Aus Perspektive  wird Vision

Ich brenne für dieses Thema, weil ich selbst erlebt habe, was passiert, wenn Andersartigkeit nicht verstanden wird. Als Mutter, Lehrerin, hochsensible Person und als Patientin. Ich weiß, wie viel Kraft es kosten kann, sich ständig an eine Welt anzupassen, die nicht für die eigene Wahrnehmung gemacht scheint. Und ich weiß auch, wie befreiend es sein kann, wenn plötzlich jemand sagt: „Du bist nicht falsch. Du brauchst vielleicht nur etwas anderes.“

Genau dieses Verständnis möchte ich weitergeben. An Pädagogen, Fachkräfte, die täglich Menschen begleiten. An Führungskräfte, die ihre Einrichtungen weiterentwickeln möchten. An Teams, die mehr Sicherheit im Umgang mit Vielfalt gewinnen wollen. An das Bildungssystem, damit Kinder sein dürfen, wie sie sind. Und an ein Gesundheitssystem, in dem jeder Mensch die Chance haben sollte, verstanden zu werden – auch dann, wenn seine Wahrnehmung, seine Kommunikation oder sein Verhalten nicht der vermeintlichen Norm entspricht.

Denn am Ende geht es für mich um eine ganz einfache Frage: Wie würde sich unsere Bildung und unser Gesundheitswesen verändern, wenn wir bereit wären, die Perspektive zu wechseln? Ich glaube, es könnte menschlicher werden. Professioneller. Inklusiver. Und vielleicht auch ein Stück gerechter. Genau dafür steht Sensible Perspektiven.

Über mich

  • Freiberufliche Referentin (Vorträge, Seminare, Workshops, pädagogische Tage, Inhouse-Fortbildungen)
  • Ganzheitliche Beraterin und Coach für Hochsensibilität (zertifiziert)
  • Neurodivergenz-Coach (zertifiziert)
  • Grundschullehrerin
  • Schulische Inklusion (M.A.)
  • Moderatorin für Inklusion der Bezirksregierung Düsseldorf
  • Gastdozentin der TU Dortmund

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